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Cologne226 (7. September 08) PDF Drucken E-Mail
Cologne226
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Es war der brutalste Triathlon meiner Karriere; ein Viertel der 348 Startenden sah das Ziel in der Kölner City nicht. Zwei Faktoren liessen für mich diesen Wettkampf zum Inferno werden: Erstens, dritter Langdistanzstart und das dritte Mal in der Wettkampfnacht nicht geschlafen: 1,5 Std. waren es bloss. Ich war entspannt, völlig gelassen, keine Spur von Nervosität, doch der Gedanke, dass ich jetzt schlafen muss, hat mich die ganze Nacht wach gehalten. Am Ziel erfuhr ich von meinem Vater, dass er vor grossen Bergtouren ebenfalls nie schlafen konnte. Liegt es in den Genen? Jedenfalls ein Handicap, das jeden Wettkampf über die Ironman-Distanz zur Hölle werden lässt und die ganze Vorbereitung zunichte macht. Zweitens, der Wind: mit 30-40 km/h ist er über das flache Land gepeitscht, der nach Angabe von Profis teilweise stärker als auf Hawaii in schlimmen Jahren gewesen ist. Die ziemlich flächigen Xentis-Zeitfahrlaufräder waren kein Problem, aber 250 Watt auf dem Ergomo zu sehen und mit 22 km/h zu fahren; es hat mich fast umgebracht. Doch von vorne …

Nach dieser durchwachten Nacht hatte ich die Hosen am Morgen gestrichen voll. Obwohl ich die Tage zuvor gut geschlafen hatte, wusste ich aus Erfahrung, dass es böse enden könnte. Der erbetene himmlische Beistand war mehr als nötig … nebenbei: Ein Pfarrer gab einige Begleitworte vor dem Wettkampf, gefolgt von der deutschen Nationalhymne.

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Das Schwimmen war sensationell gut. Ein Regattakanal ohne Wellen und in einer Tiefe von ca. einem Meter Drahtseile (für die einzelnen Bootsbahnen an denen knapp unter Wasseroberfläche kleine Bojen befestigt waren), denen man im klaren Wasser nur folgen musste. Habe bis zur Wende nach 1,9 km nie hoch geschaut. Mit einer Zeit knapp unter 1h01 habe ich mein Ziel mehr als erreicht. Die erste von vier 45 km Radrunden im Wind war so brutal, dass ich am liebsten an den Strassenrand gehockt wäre. Es fühlte sich an wie nach 120 km. Das sollte ich 180 km durchstehen mit diesem Schlafdefizit? Doch ich musste weiter machen. Mein Vater war extra nach Köln gereist, ebenfalls meine Familie. Ich konnte nicht aufgeben. Ich nahm mir vor, zu kämpfen bis ich entweder aus Erschöpfung nicht mehr konnte oder mich eine Verletzung aus dem Rennen nehmen würde. Also, auf die nächste Runde. Pro Runde hatte ich wegen des Windes gegen 5 Min. verloren. Damit war mein Ziel, unter 10 Std. zu kommen, schon gestorben. Aber nach dieser miesen Nacht, hatte ich mir sowieso nur noch ein Ziel gesetzt: irgendwie die Kölner City zu erreichen. Obwohl ich den Ergomo hatte, bin ich nur nach Gefühl gefahren und habe trotzdem auf die Minute genau meine Runden gedreht. Wie gewohnt, bin ich gegen Ende hinaus stärker geworden. In der dritten Runde war ich immer noch stabil unterwegs. Also habe ich mir eine Aktivator Ampulle mit Koffein und Guarana reingezogen. Mein Rettungsanker, der mich über die letzte Runde bringen sollte und wie: 2 Min. schneller als die erste und ich habe sie reihenweise überholt, bin an ihnen vorbeigeflogen. Die Xentis-Räder habe bei den Rückenwindpassagen gewummert, dass es eine Freude war. Sobald ich meine Kadenz auf Rollerpassagen (sprich: Rückenwind) mit dicken Gängen, die ich so trainiert hatte, ausspielen konnte, habe ich alle um mich herum stehen gelassen. Anstatt beim Rückwind auszuruhen, habe ich alles gegeben, um möglichst viel rauszuholen, bevor ich im Gegenwind wieder zu einem Häuflein Elend reduziert wurde. Seit der zweiten Runde hatte ich eine schleichende Wadenverhärtung am linken Bein. Ich hoffte, dass beim Lauf andere Muskeln belastet würden und so war es dann zum Glück auch.

Cologne226Bis jetzt hatte ich voll meine Leistung gebracht. 4 Min. schneller im Schwimmen und 17 Watt mehr als 2007 am Bodensee beim Radfahren. Doch ich wusste, dass der Schlafmangel und der Kampf im Wind böse Folgen beim Laufen haben würde. Statt 4:45er  Zeiten bin die erste von vier 7 km Runden um den wunderschönen Fühlinger See nur mit 5:08er Zeiten gelaufen. Wie das am Ende aussehen würde, konnte ich mir schon ausrechnen. Auf der zweiten Runde wurde mir bei den Kilometerschildern 21 und 28 ganz übel. Ich musste die Zahlen ausblenden, einfach nur 4 x 7 km um den See laufen, sagte ich mir. Anfang der 4. Runde bekam ich die Meldung, der Zehntplazierte sei nur 200 m vor mir. Die Hatz nach ihm hielt mich in der 4. Runde beschäftigt und abgelenkt. Nach 4 km hatte ich ihn eingeholt. Bei Km 27 hatte er mich wieder geschnappt und dann ging es 14 km in die Kölner City. Ich wusste nicht, wie ich das noch schaffen sollte. Es wurde höllisch. Unterdessen waren die Kilometerzeiten bei 5:35 angelangt und der Puls von 135 auf 125 gesunken. Ich war der Erschöpfung nahe und das bei Km 28; das Schlafdefizit machte sich jetzt bemerkbar. Ich ahnte Böses.

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Und es wurde so etwas von brutal. Jeder Schritt wurde zum Kampf, nicht stehen zu bleiben. Die zweite Aktivator Ampulle zeigte keine Wirkung mehr. Es war nur noch eine Kopfsache und eiserner Wille, nicht aufzugeben. Die Kilometerzeiten sanken auf über 6 Min. Wann würde ich endlich an den Rhein kommen? Im Wald lag ein Athlet, der sich mit Beinkrämpfen am Boden wand. Ich hielt und fragte, ob er eine Mineraltablette brauche? Ne, ne, kommt gleich wieder. Naja, ob der Köln gesehen hat? Dann endlich der Rhein. Noch 10 km und das im vollen Gegenwind, der so stark war, dass im Ziel der aufblasbare Zielbogen vom Wind zusammengelegt wurde. Ich kämpfte mich von Kilometerschild zu Kilometerschild. Wieder ein vom Krampf Gequälter vor mir, den ich aufmunterte. Unterdessen waren die Zeiten bei 6:35 pro Kilometer. Meiner unwürdig, aber ich war noch nicht eingebrochen. Aber noch über eine Stunde so weiter? Ein unerträglicher Gedanke. Ich wehrte mich mit aller Macht, ins Gehen zu verfallen. Bei Km 36 war ich mental so fertig, dass ich 10 Schritte ging; es waren die einzigen, die ich ging. Irgendwann kam endlich in der Ferne das Ziel in Sicht. Ich hatte 40 Min. auf meine geplante Zielzeit verloren, aber war noch im Rennen. Die letzten 2 km bin ich dann geflogen. Der Puls war auf 138 oben und als ich auf die Zielgerade einbog, trottete die vermeintliche Nr. 10 der AK40 vor mir. Eingebrochen? Mit einem Endspurt im Zielkanal habe ich ihn noch abgefangen. Im Ziel angekommen, sehe ich einen Kollabierten am Boden. Sanitäter schleppen eine Bahre an … Eins weiss ich: ohne meine körperliche Topverfassung hätte ich das Ziel nie gesehen.

Cologne226Es war die beste Leistung, die ich je gezeigt hatte. Top Schwimmzeit, super Radsplit, ein Lauf, bei dem ich weit unter meinen Möglichkeiten geblieben bin, aber den abartigen Umständen getrotzt habe. Das bringt mich weiter! Die Zeit ist mit 10h40 weit von der sub10 entfernt, die Rangierung nebensächlich. Ich hatte in einer AK40 Altersklasse sowieso keine Chance, ganz vorne mitzumischen. Also mit dem Shutte-Bus zurück zum Fühlinger See und um 01.54 am Montagmorgen hatte meine Frau die Familie nach Hause gekarrt. Sie hat einen Riesenjob an diesem Wochenende geleistet!

Am Montagmorgen meinte meine Tochter: Schau doch mal die Rangliste nach. Hatte ich völlig vergessen. War da ja weit hinten. Oh, was sehe ich da. Jetzt haben die auch Ranglisten für die AK45, obwohl die Startliste nur AK40 und dann AK50 hatte. Und was lese ich da? 3. Rang: Jürg Eggler. Ich glaub, ich spinne. Nun, für die Siegerehrung heute Montag in einem Kölner Hotel fliege ich nicht dahin. Aber was für eine Belohnung nach diesem Kampf! Was lernt man daraus? Bereite dich gut vor, denn du weisst nie, was auf dich zukommt, und never ever give up!